Page 28 - 2026_Resonanzraeume_Flipbook
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wenigsten dieser Influencer und
Stars haben sich tiefergehend
mit der israelisch-palästinensi-
schen Geschichte auseinander-
gesetzt. Sie haben noch nicht
einmal öffentlich die Opfer
des Massakers am 07. Oktober
betrauert. Sie haben sich auch
zuvor schon nicht gefragt, warum
sie sich einem kulturellen Boykott
gegen israelische Künstlerinnen
und Künstler angeschlossen
haben, wie er von der BDS-
Bewegung seit Jahren gefordert
wird. Im Livestream wurde im
Oktober 2023 von Personen wie
dem in die organisierte Kriminali-
tät verwickelten Geschäftsmann
Arafat Abou-Chaker und dem
bekannten Islamisten Pierre Vogel
der Moment genutzt, um Anhänger
zu werben und Israel mit dem
Nationalsozialismus beziehungs-
weise Hitler zu vergleichen. Ihre
große Reichweite nutzen sie für
ihre Hetze und emotionalisieren
damit junge Menschen über den
Livestream.
Hier geht es nicht nur um para-
soziale Beziehungen, sondern um
Rekrutierung von Anhängern und
Anhängerinnen für die eigenen
Weltansichten. Umgekehrt kann
die Community, wie oben schon
beschrieben, auch in diesem Feld
Creator und Prominente unter
Druck setzen, sich zu positionie-
ren. So werden Stars, aber auch
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Holocaustüberlebende in den
Kommentarspalten unter ihren
Videos immer wieder gedrängt,
sich gegen Israel zu positionieren
oder bestimmte Produkte zu boy-
kottieren, um ihrer vermeintlichen
Solidarität mit den Palästinen-
sern Ausdruck zu verleihen. Eine
klare Ablehnung der geforderten
Meinungen, aber selbst Differen-
zierungen oder schlichtweg der
Wille, sich nicht zu äußern, wer-
den als gefährliche Abweichung
gehandelt und mit allen Social-
Media-Mitteln bekämpft. Wider-
sprüche und Zurückhaltung gehen
nicht viral.
Die teilweise auch koordinierten
Aufrufe aus der Community her-
aus verhindern Dialog und haben
verheerende Folgen für Betroffene
von Antisemitismus. Die Social-
Media-Dynamik lebt von Schwarz-
Weiß-Zeichnungen, von einfachen
Bildern und von falschen Ein-
deutigkeiten. Die Vereinfachung
treibt so absurde Blüten, dass
mittlerweile die Behauptung in
sozialen Medien kursiert, dass
Jesus nicht Jude, sondern Paläs-
tinenser gewesen sei. Es gibt
keinen Platz oder gar Empathie
für Juden und Jüdinnen, die ins-
besondere nach dem Holocaust
in Israel einen letzten Zufluchts-
ort und Schutzraum gesehen
haben.

