Page 27 - 2026_Resonanzraeume_Flipbook
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einzusetzen. Neben dem Aspekt
der Idolisierung steht laut der
Antisemitismusforscherin Maria
Kanitz und dem Sozialwissen-
schaftler Lukas Geck für die Fol-
lower die kollektive Erfahrung im
Vordergrund.18 Auch das erschwert
die eigenständige Auseinander-
setzung mit politischen Inhalten
und Positionen. Wie gehen wir
damit um, wenn diese Reichweite
eben nicht nur Gutes verursacht,
sondern Forderungen verbreitet
werden, die einen Schaden
verursachen? Wie zum Beispiel
während Corona. Hört man dann
auf einen Arzt oder lieber auf einen
Star, der vielleicht gerade auf Ver-
schwörungserzählungen herein-
gefallen ist und plötzlich behauptet
ganz genau zu wissen, wer ver-
antwortlich sei für die Pandemie?
Eine parasoziale Beziehung geht
zudem nicht selten mit klaren
Erwartungen einher. Verhält sich
die öffentliche Person nicht so, wie
die Community will, kann sich das
Machtverhältnis auch ändern und
die Person durch die Commu-
nity unter Druck geraten, etwas
zu tun oder zu äußern, was sie
vielleicht gar nicht möchte. Dies
passiert nicht zuletzt bei politi-
schen und sozialen Themen. Die
Community wünscht sich, dass die
Reichweite der bekannten Person
genutzt wird, um für oder gegen
etwas einzustehen. Was aber pas-
siert, wenn sich Einzelpersonen in
Social Media zu etwas gezwungen
fühlen, weil die eigene Commu-
nity mit einem Shitstorm droht?
Was für ein politisches Verständ-
nis haben wir, wenn wir statt mit
Argumenten mit sozialem Druck
auf Personen einwirken, wenn wir
uns zu einem politischen Thema
äußern wollen? Ist das Ergebnis
dann überhaupt die Position der
Person, die unter Druck gesetzt
wurde, oder vor allem Opportunis-
mus, um der eigenen Karriere
nicht zu schaden?
Nach dem 7. Oktober 2023
Nach dem Massaker der Hamas am
7. Oktober 2023, dem größten
Massenmord an Juden und Jüdin-
nen seit dem Holocaust, hatten sich
zahlreiche Social Media-Stars in
unerträglicher Weise positioniert.
Sie nahmen keine Notiz von über
tausend Ermordeten, von unfass-
baren Gewaltexzessen bei einem
Musikfestival und der Geisel-
nahme von 250 Menschen. Auch
die mit dem Terrorüberfall ver-
bundene sexuelle Gewalt wurde
trotz umfangreicher Dokumenta-
tion geleugnet. Schon wenige Stun-
den nach dem Angriff begannen
dagegen die Relativierungen; man-
che feierten sogar den Terror der
Hamas. Ein Großteil verfiel schlicht
in ein großes Schweigen. Die
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