Page 29 - 2026_Resonanzraeume_Flipbook
P. 29

All das gilt auch für Videos, in
denen Juden und Jüdinnen in
einer perfiden Verdrehung selbst
für den Antisemitismus infolge
des 7. Oktobers verantwortlich
gemacht werden, in denen mit
antisemitischen Symbolen koket-
tiert wird oder in denen die
Geschichte eines historischen Kon-
flikts einseitig und vereinfachend
erzählt wird, um Gewalt und Hass
zu rechtfertigen. Man soll sich
anschließen, Stellung beziehen.
Die Videos sind oft mehr als eine
politische Positionierung, sie
sind ein Identitätsangebot mit
bestimmten Zeichen und Sym-
bolen von einer behaupteten
Widerständigkeit, die mit dem
palästinensischen Volk oder sogar
mit der Terrororganisation
Hamas assoziiert werden. Trauer
um die von der Hamas ermor-
deten Menschen, Sorge um die
entführten Geiseln und ihre
Angehörigen findet kaum einen
Platz. Hier bleibt die Anteilnahme
vollkommen aus. Was Juden
und Jüdinnen seit dem Oktober
2023 an Anfeindungen erleben
mussten in aller Welt, wird voll-
kommen ignoriert.
Fazit:
Antisemitismus hat viele Gesichter
auf Social Media.Er kommt in
Form von kleinen Emojicodes
daher, in stundenlangen You-
Tube-Videos über Verschwörungs-
erzählungen, die mal mehr, mal
weniger offen eine vermeintlich
jüdische Weltelite für alles Übel
verantwortlich machen, oder pop-
pigen, kurzen Videos auf TikTok,
in denen ein Rechtsextremer die
Erinnerung an den Holocaust
infragestellt. Dabei sind die Bil-
der und Formen nicht unbedingt
neu; es ist die Verbreitung und
Frequenz, die sich mit sozialen
Medien wandelt und dramatisch
erhöht hat.
Wir sind mit einer medialen Ver-
breitung von Antisemitismus
weltweit konfrontiert, die bis
dato unbekannt war. Und das
hat gefährliche Folgen für die
Betroffenen. Es gibt auf TikTok
und Co. nicht unbedingt neue
Formen von Antisemitismus, viel-
mehr knüpfen die Inhalte an alten
Bildern und Projektionen an und
verleihen ihnen neuen Ausdruck,
die in eine digitale Mobmentalität
münden können. Jüdische Creator
sind einem hohen Maß an Hass und
Positionierungsdruck ausgesetzt.
Auch deutsche Juden und Jüdinnen
werden in der Kommentarspalte
aufgefordert, sich zu Israel zu posi-
tionieren, auch dann, wenn ihre
Inhalte gänzlich unpolitisch sind.
Viraler Antisemitismus schüchtert
ein, bedroht und kann psychische
Folgen bis hin zum Rückzug von
29
























   27   28   29   30   31