Page 25 - 2026_Resonanzraeume_Flipbook
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Kanye West war 2025 nicht zum
ersten Mal durch NS-Verherr-
lichung aufgefallen, auf der
Plattform X (ehemals Twitter)
bewarb er seinen Merch mit
Hakenkreuz versehen, auf Spotify
konnte man mehrere Wochen
noch seinem Song „Heil Hitler“
lauschen. Beides ist mittlerweile
nicht mehr verfügbar, aber YE hat
weiterhin überall einen Account
mit mehreren Millionen Follow-
ern. Offen Judenhass zu verbreiten,
hat augenscheinlich kaum Konse-
quenzen.
Liedtexte in gecoverten Versio-
nen bekannter Songs können
auch genutzt werden, um Falsch-
informationen zu verbreiten. So
wurde 2023 der drei Jahre alte
Song „Sea Shanty“des Künstlers
Wellerman (Nathan Evans), von
der ägyptischen Content Creato-
rin Eman Askar mit neuem Text
verbreitet, ein großer TikTok
Hit. In den neuen Strophen geht
es um eine verkürzte Geschichte
Palästinas inklusive der Delegi-
timierung Israels. Bis zu seiner
Sperrung nach einigen Wochen
(eine Ewigkeit auf einer kurz-
lebigen Plattform wie TikTok)
erreichte der „Palästina-Shanty“-
Trend über 10 Millionen Views.
Auf YouTube war der Clip auch
weiterhin verfügbar. Im Songtext
präsentiert Askar eine sehr kon-
densierte Geschichte, in der Chris-
ten, Muslime und Juden einst in
einem Land namens Palästina in
Frieden lebten, bis ein „bärtiger
Mann“ (Theodor Herzl) beschloss,
diese Ruhe zu stören. Der Lied-
text gibt statt einer vielschichtigen
Geschichte ein eindeutiges Narra-
tiv wieder, in dem die Rollen der
Guten und Bösen ganz klar ver-
teilt sind. Viele Aspekte werden
ausgelassen. Obwohl im Songtext
sogar berichtet wird, dass Juden
und Jüdinnen schon lange Zeit auf
diesem Stück Land lebten, wird
von jüdischer Kolonialisierung
Palästinas gesprochen.
Die Siedler-Erzählung unterschlägt
die Umstände, die dazu führten,
dass Juden und Jüdinnen, die
zunächst aus Deutschland, Russ-
land und später auch aus ande-
ren Ländern Europas und der
Mena Region (Mittlerer Osten
und Nordafrika) nach Palästina
kamen, selbst Flüchtlinge waren,
die vor Verfolgung flohen.17 Der
Song von Askar soll emotionali-
sieren und verbreitete sich nicht
zuletzt auch wegen der genutzten
eingängigen Melodie.
17 vgl. Amadeu Antonio Stiftung, viraler Antisemitismus 2009.
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