Page 15 - 2026_Resonanzraeume_Flipbook
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es gar nicht den Absichten der
Juden*Jüdinnen entspricht. Gerade
angesichts dieser Geschichte der
Aneignung und Instrumentalisie-
rung sollte man sich immer wie-
der vergegenwärtigen: Jüdischen
Künstlern und Autorinnen, Philo-
sophinnen und Intellektuellen
ging es nach dem Krieg zumeist
nicht darum, das deutsche Gegen-
über von Schuldgefühlen zu ent-
lasten, sondern darüber nach-
zudenken, wie es zu der Gewalt
kommen konnte, wie diese Gewalt
nach dem Zweiten Weltkrieg
weiterexistierte und was zu tun
wäre, um eine Wiederholung zu
verhindern (eben das, worauf auch
Friedländers „Seid Menschen“ eine
Antwort zu geben versuchte!).
Wie gezeigt gab die nicht-jüdische
Seite angesichts dieser anderen
Fragerichtungen ihre Fantasie von
der Versöhnung nicht einfach auf.
Stattdessen verlegte man sich in
den Jahrzehnten seit Kriegsende
vornehmlich auf diejenigen, die
sich nicht mehr wehren konnten.
Ein gutes Beispiel dafür ist der
Umgang mit Anne Frank, dem
wohl bekanntesten Opfer der
Shoah. Frank war eine junge Frau
aus Frankfurt am Main, die sich
ab 1942 mit ihrer Familie in einem
Haus in Amsterdam versteckte
und dabei ein Tagebuch schrieb.
Am 4. August 1944 wurde sie ver-
raten und im Februar darauf im
KZ Bergen-Belsen ermordet. Am
14. Juli 1944, also zwei Wochen
vorher schrieb sie in ihr Tage-
buch: „Es ist ein Wunder, daß
ich all meine Hoffnungen noch
nicht aufgegeben habe, denn sie
erscheinen absurd und unerfüll-
bar. Doch ich halte daran fest, trotz
allem, weil ich noch stets an das
Gute im Menschen glaube.“7
Von anderen Zeitzeugenberichten
können wir erahnen, welche Qua-
len auf den Verrat folgten. Da
wäre es ja durchaus angebracht,
mit Dara Horn, Autorin von Peo-
ple love dead Jews zu fragen, ob
Frank auch dann noch an das
Gute im Menschen glaubte, nach-
dem ihr Versteck verraten wor-
den war, nachdem sie vom Bahn-
personal der Deportationszüge
herzlos und brutal abgefertigt,
dann tagelang durch Mittel-
europa und schließlich von den
deutschen Wachmannschaften
und ihren Hilfstruppen erniedrigt
worden war.8 Was würde es für die
Erinnerungsarbeit in den Schulen
und der Öffentlichkeit bedeuten,
sich Anne Frank als einen ent-
7 Anne Frank, Das Tagebuch der Anne Frank. 12. Juni 1942 – 1. August 1944. Mit einem Vorwort
von Albrecht Goes, Frankfurt am Main und Hamburg 1957, S. 227.
8 Dara Horn, People Love Dead Jews. Reports from a Haunted Present , New York 2021, S. 8-9.
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