Page 16 - 2026_Resonanzraeume_Flipbook
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täuschten, untröstlichen, zu Tode
erschütterten Menschen vorzu-
stellen? Was würde das mit dem
Selbstbild der deutschen Gesell-
schaft machen, wenn sie mit einer
hoffnungslosen Anne Frank kon-
frontiert wäre, eine, die nicht trotz
allem noch stets an das Gute im
Menschen glaubte? Aber dazu kam
es nicht. Die Macher der Fischer-
Taschenbuch-Ausgabe druckten
den Satz aus Annes Tagebuch 1957
unbeirrt auf das Cover ihrer in
Westdeutschland populären Aus-
gabe. Man hatte die versöhnliche
jüdische Stimme gefunden, die
man gesucht hatte.
Seitdem sich die deutsche Gesell-
schaft mit ihrer Schuld und Ver-
antwortung für die Shoah aus-
einandersetzt, existiert auch
die Suche nach dem versöhn-
lichen jüdischen Gegenüber
(warum dieses Gegenüber vor
allem jüdisch und nicht auch
Sinti und Roma, polnisch oder
behindert ist, müsste in einem
weiteren Text ausgearbeitet wer-
den). Dieses Gedächtnistheater
ist das Gegenteil jüdischer Selbst-
bestimmung, weil es Juden*Jüdin-
nen nicht in ihrer Lebendigkeit,
sondern hinsichtlich ihrer Funk-
tion für die eigene Läuterung
wahrnimmt – und im Zweifelfalls
umdeutet. Wenig verwunder-
lich, dass man sich bei dieser
Aneignung und Instrumentalisie-
rung eher toter Juden*Jüdinnen
bedient, die können sich schließ-
lich nicht mehr gegen ihre
Aneignung wehren. Eine jüdische
Lebendigkeit hingegen zeichnet
aus, dass sie radikal vielfältig
ist, sowohl in ihrem Verständnis
davon, was Jüdischkeit ausmacht,
als auch in jeder einzelnen poli-
tischen oder lebenspraktischen
Frage.
Will man diese Lebendigkeit für
die Vergangenheit anerkennen,
muss man zugleich akzeptieren,
dass das jüdische Gegenüber häu-
fig kämpferischer, untröstlicher
und unversöhnlicher war, als
eine deutsche Öffentlichkeit das
gebrauchen kann. Die Lektüre jid-
discher Literatur und Widerstands-
geschichten kann einem dabei
helfen, diese Tatsache anzu-
erkennen und das eigene Ver-
söhnungstheater zu verlassen.9
Eine Anerkennung jüdischer
Lebendigkeit in der Gegenwart
bedeutet beispielsweise auch, aus-
zuhalten, dass Juden*Jüdinnen
unterschiedliche Meinungen
haben und dass sie ihr Verhältnis
zu Geschichte, Religion oder
Nation seit Millenia diskutieren
und dabei immer wieder neu
bestimmen. Buchtitel wie The
9 Max Czollek, Versöhnungstheater , München 2023.
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