Page 13 - 2026_Resonanzraeume_Flipbook
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Nachkommen versuchen, mit der
Gewalt klarzukommen, die sie
an den Bevölkerungen Europas
verübt hatten. Da ist es nicht ver-
wunderlich, dass sich die Fanta-
sie der Versöhnung durch Inter-
pretationen der Texte jüdischer
Dichterinnen wie Nelly Sachs,
von Shoahopfern wie Anne Frank
oder durch die Reden von Politi-
kern wie jener vom 8. Mai 1985 von
Richard von Weizsäcker bis weit
in die Gegenwart zieht. Auch der
bereits erwähnte Bundespräsident
Frank-Walter Steinmeier beschwor
anlässlich des 80. Jubiläums der
Kapitulation Nazideutschlands
schon zwei Tage vor Friedländers
Tod das „Wunder der Versöhnung,
das jüdische Gemeinschaften auf
der ganzen Welt und der Staat
Israel uns geschenkt haben“.5
Ich saß an diesem 8. Mai 2025 auf der
Tribüne im Bundestag, hörte die
Worte des Bundespräsidenten und
dachte einmal mehr: Es ist schon
anmaßend, die jüdische Seite
auf diese Weise zur Erfüllungs-
gehilfin des eigenen Bedürf-
nisses nach Versöhnung und
Entlastung zu machen! Und zwar
auch, weil diese Aneignung und
Instrumentalisierung dazu füh-
ren, dass die Juden*Jüdinnen, die
wirklich gelebt haben, dadurch
unsichtbar gemacht werden.
Und das gilt auch für die jüdi-
sche und jiddische Literatur Ost-
europas, um die es mir in diesem
Essay geht. Es ist nämlich wich-
tig, sich zu vergegenwärtigen,
dass es den jiddischen Autor*in-
nen vielleicht noch weniger als
anderen um Versöhnung ging.
In ihren Geburtsländern standen
die Vernichtungslager Chelmno,
Belzec, Sobibor, Treblinka, Maj-
danek und Auschwitz-Birkenau, in
den Wäldern und Schluchten fan-
den die größten Erschießungen
des Zweiten Weltkrieges statt
und in den Städten befanden sich
die Ghettos, in die die jüdische
Bevölkerung eingepfercht wurde,
bevor die Nazis sie ermordeten.
Zugleich war Osteuropa auch
der Ort der großen jüdischen
Widerstandshandlungen wie der
Aufstand im Warschauer Ghetto
vom 19. April 1943 oder der Auf-
stand von Treblinka am 2. August
desselben Jahres. Viele Zeug-
nisse dieses Widerstandes gin-
gen im Zweiten Weltkrieg ver-
loren oder wurden zerstört, einige
aber haben uns erreicht. Etwa
die Lieder des Dichters Hirsch
Glik, der am 24. April 1922 in
5 Frank Walter Steinmeier, Rede anlässlich der Gedenkstunde im Deutschen Bundestag zum
80. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus und des Endes des Zweiten Weltkrieges,
8. Mai 2025, https://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Frank-Walter-Steinmeier/
Reden/2025/05/250508-Ende-2WK.html
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