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Vilnius geboren wurde, das damals
in Polen lag. 1941 wurde Glik mit
vielen anderen in das Ghetto
Wilna gesperrt, wo er sich der
jüdischen Partisanenorganisation
FPO anschloss, an einem Ghetto-
Aufstand teilnahm und 1944 sogar
fliehen konnte. Im selben Jahr fiel
er im Kampf gegen deutsche Sol-
daten, da war Glik gerade mal 22
Jahre alt. Bis zu seinem Tod schrieb
er Gedichte und Lieder, die in ganz
Osteuropa und darüber hinaus
bekannt wurden, darunter „Shtil,
di nakht iz oysgeshternt“ (Still, die
Nacht ist voller Sterne) oder „Zog
nit keynmol, az du geyst dem letstn
veg“ (Sage niemals, du gehst nun
den letzten Weg). Insbesondere
letzteres gilt als inoffizielle Hymne
jüdischer Partisan*innen, die
gegen die Gewalt der Nazis kämpf-
ten. Das Lied erzählt von dem Mut,
der Hoffnung und der Notwendig-
keit, Widerstand gegen die eigene
Vernichtung zu leisten. Wovon es
nicht erzählt, ist Versöhnung.
Im Ghetto Wilna traf Glik auf eine
Reihe weiterer osteuropäischer jüdi-
scher Intellektueller: Avrom Sutz-
kever etwa, der wohl berühmteste
jiddische Dichter dieser Generation,
der nach der Shoah nach Israel emi-
grierte und dort die Zeitschrift Di
goldene keyt herausgab. Oder Abba
Kovner und Vitka Kempner, die
nach dem Krieg in Bukarest die DIN
gründeten, jene berühmte Gruppe
jüdischer Rächer*innen, deren
Geschichte der Sänger Daniel Kahn
mit seinem Song Six Million Ger-
mans6 2009 ein Denkmal gesetzt
hat: „For every Jew the Nazis gas-
sed / For every racist law they pas-
sed / For every wrong that wasn’t
right / For all the dead Nakam would
fight“. 2022 widmete das Jüdische
Museum Frankfurt diesen und
vielen weiteren Geschichten die
Ausstellung „Rache. Geschichte
und Fantasie“, die ich mit kuratie-
ren half. Es ging uns damals auch
darum, der deutschen Erzählung
von der jüdischen Versöhnung
die Idee jüdischer und jiddischer
Untröstlichkeit und Unversöhnlich-
keit entgegenzustellen.
Ich glaube, es gibt einen Grund,
dass viele Menschen von dieser
Geschichte der Wut, der Widerstän-
digkeit, der Rache und der Bitterkeit
in Deutschland bis zum Besuch
dieser Ausstellung nur wenig
gehört hatten. Denn die Dinge,
die wir hier erzählten, waren
weit von dem entfernt, was sich
eine deutsche Öffentlichkeit vom
jüdischen Gegenüber erhofft –
und wie bei Margot Friedländer
einfach erzählt, selbst wenn
6 Daniel Kahn & THE PAINTED BIRD, Six Million Germans (song), Partisans & Parasites (LP), Oriente
Music 2009.
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