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hatte das sogar zu einem Tabu-
bruch geführt, als der Kanzler-
kandidat der CDU/CSU, Friedrich
Merz, ankündigte, eine verschärfte
Asylgesetzgebung mit Stimmen der
AfD durchzusetzen.
Margot Friedländer hat diese
Zusammenarbeit mit großer
Sorge betrachtet. Noch im Februar
berichtete die Journalistin Natalie
Amiri von einem Abendessen mit
Margot Friedländer und zitiert sie
mit den Worten: „Ich bin zurück-
gekommen, um euch die Hand zu
reichen und um euch zu bitten, die
Zeitzeugen zu sein, die wir nicht
mehr lange sein können. Was ich
euch hier sage, ist für euch. Was
war, können wir nicht mehr ändern,
aber ihr müsst verantwortlich sein.“1
Auch kurz vor ihrem Tod unterstrich
Friedländer noch einmal, worum es
ihr ging. Da war es schon irritierend
zu beobachten, wie sich die politi-
sche und mediale Öffentlichkeit in
Trauerbekundungen überschlug,
die das Bild einer ganz ande-
ren Person zeichneten. So sagte
Bundespräsident Frank-Walter
Steinmeier (SPD), Friedländer
habe „unserem Land Versöhnung
geschenkt“2 und die ehemalige
Staatssekretärin für Kultur und
Medien Monika Grütters (CDU)
sprach von Friedländer als „leben-
de[m] Beweis, dass es Versöhnung
geben kann“.3
Das war eine kuriose Verdrehung
von Friedländers Mahnung, alles
dafür zu tun, dass sich die deut-
sche Gewaltgeschichte nicht
wiederholt. Zugleich ist es ein
fast schon klassischer Fall dessen,
was der ebenfalls Anfang 2025
verstorbene Soziologe Michal
Bodemann bereits 1996 als
„Gedächtnistheater“ beschrieben
hatte.4 Der Untertitel seiner Ana-
lyse lautete treffend Die jüdi-
sche Gemeinschaft und ihre
deutsche Erfindung. Das Buch
war einer spezifisch deutschen
Erinnerungskultur gewidmet, die
das jüdische Gegenüber zum Aus-
druck des Bedürfnisses nach Ver-
söhnung macht. Die Suche nach
versöhnlichen Juden*Jüdinnen
ist also so alt wie die deutsche
Erinnerungskultur, bei der eine
Täter*innengesellschaft und ihre
1 Natalie Amiri, Liebe Margot, Die Zeit, 5.2.25, https://www.zeit.de/kultur/2025-02/margot-
friedlaender-cdu-afd-abstimmung-migration-zeitzeugin
2
„Sie hat unserem Land Versöhnung geschenkt“, tagesschau.de, 9.5.25, https://www.tagesschau.de/
inland/tod-margot-friedlaender-reaktionen-100.html
3 Monika Grütters, Sie war der lebende Beweis, dass es Versöhnung geben kann, Der Spiegel,
10.5.25, https://www.spiegel.de/kultur/margot-friedlaender-ist-tot-sie-war-der-lebende-beweis-
dass-es-versoehnung-geben-kann-a-9f947223-577e-405b-ac79-54a39b8c32cd
4 Michal Bodemann, Gedächtnistheater. Die jüdische Gemeinschaft und ihre deutsche Erfindung,
Hamburg 1996.
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