Page 22 - 2026_Resonanzraeume_Flipbook
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neue Mitglieder zu rekrutieren.
Jetzt kann man zum Glück sagen,
dass junge Menschen sich auch
nicht alles erzählen lassen, aber
gerade in Zeiten von vielen unter-
schiedlichen, gleichzeitigen Kri-
sen, Kriegen oder wenn Personen
sich einsam oder unverstanden
fühlen, kann so eine vereinfachte
Lösung attraktiv erscheinen. Da
werden in Videos dann auf einmal
Simson Roller frisiert, gemeinsam
gewandert oder für jene, die
es etwas martialischer mögen,
Kampfsportübungen vorgemacht –
dass diese Menschen teilweise
den Holocaust leugnen oder an
die jüdische Weltverschwörung
glauben, steht zunächst nicht im
Vordergrund. Denn damit schreckt
man ab, also versucht man erstmal
über scheinbar harmlose Hobbys
und Bedürfnisse Kontakt herzu-
stellen und ein Gesprächsangebot
zu machen.
Verspielt, vercodiert, verharmlost–
antisemitische Memefizierung
Nie war es so einfach, kurze
Filme und Sharepics mit Sound,
Schrift und einer überzeugenden
Ansprache zu erstellen. Dazu kom-
men spielerische Elemente wie
Emojis und AR-Filter (Augmented
Reality). Sie machen den Reiz des
Kurzvideos aus und versehen die
Videoinhalte zusätzlich mit Effek-
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ten und weiteren Möglichkeiten,
sich auszudrücken und Inhalte
zu gestalten. Oftmals ergibt sich
eine Botschaft erst durch das
Zusammenspiel all dieser Aus-
drucksebenen. Das nennt man
multimodale Kommunikation .
Um zu verstehen, wie Antisemitis-
mus sich über die Plattformen ver-
breitet, hilft es, die Internetkultur
der Plattform, ihre Sprache und
Zeichen zu verstehen. Denn sie
können auch bei codiertem Hass
eine Rolle spielen. So versuchen
Rechtsextreme, Islamisten und
andere antidemokratische Akteure,
die Videoinhalte, die zum Beispiel
eine versteckte antisemitische Bot-
schaft beinhalten, an der Content
Moderation „vorbeizuschmuggeln“,
ohne dass der Inhalt als Verstoß
gegen die Plattformregeln und
Gesetze wahrgenommen wird.
Das nennt man auch Umwegs-
kommunikation. Da wird zum
Beispiel statt von Adolf Hitler
vom österreichischen Maler
gesprochen, um nicht Gefahr zu
laufen, dass der Beitrag oder der
ganze Account gesperrt wird.
Österreichische Maler gibt es
viele, Adolf Hitler nur einmal.
Die Zielgruppe kennt den Code
und weiß genau, wer gemeint ist.
Weitere Beispiele sind Emojis wie
die Türe, der Duschkopf oder die
Abbildung von zwei Blitzemojis.
An und für sich sind das harmlose
























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