Page 21 - 2026_Resonanzraeume_Flipbook
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entwickelte sich TikTok rasant zum
digitalen Leitmedium. Wer musi-
kalisch durchstarten wollte oder
nach aktuellen Trends suchte, kam
an TikTok schnell nicht mehr vor-
bei. Auch politische Themen wur-
den zunehmend auf der Plattform
verhandelt. Der Algorithmus der
Plattform war nicht nur so gestaltet,
dass Nutzende individuell das
angezeigt bekamen, was sie ver-
meintlich sehen wollten, sondern
er verhalf aufstrebenden Creator
auch zu großen Reichweiten, ohne
dass es nötig war, sich mühsam
über längere Zeit eine Community
aufzubauen. Das Versprechen aus
dem Nichts zum viralen Hit zu
gelangen, mit millionenfachen
Reichweiten, war auf einmal
zum Greifen nah. Die Kriterien
für große Reichweiten sind nach
wie vor weitestgehend Geheim-
nisse der Plattformen und doch
gibt es einige Anhaltspunkte wie
etwa Likes, Shares und proportio-
naler Anteil an fertig geschauten
Videoinhalten kurz nach Veröffent-
lichung, die wir uns erschließen
können.
Also, warum gehen antisemitische
Inhalte viral? Ist etwa der Algorith-
mus antisemitisch? Den Grund für
die Popularität antisemitischer
Inhalte führen wir auf die starke
Emotionalisierung entsprechender
Videos zurück. Denn eines gilt für
alle Plattformen: Inhalte, die uns
bewegen, aufwühlen, die Angst
oder Wut verursachen, lassen uns
nicht kalt. Und in der Folge sor-
gen viele Views und Kommentare
dazu, dass der Algorithmus
dabei hilft, noch mehr Nutzen-
den die Möglichkeit zu geben,
darauf zu reagieren. Was wir
sehen, wird also maßgeblich
bestimmt von einem Algorith-
mus, der uns, angelehnt an unse-
ren bisherigen Videokonsum und
dem, was Nutzende mit ähnlichen
Vorlieben schauen, weitere Inhalte
vorschlägt. Und darin ist er meis-
tens richtig gut. Dieses Verfahren
erspart einem die lange Suche.
Im besten Fall finden einen die
Inhalte, für die man sich interes-
siert, und nicht umgekehrt. Wir
verbringen viel Zeit damit, Videos
zu schauen, die uns vorgeschlagen
werden. Die Inhalte wie auch der
Algorithmus sind aber am Ende
des Tages menschengemacht und
sagen damit auch viel über uns als
Gesellschaft aus. Es geht also nicht
nur um die technische Möglichkeit,
Antisemitismus zu verbreiten, son-
dern viel mehr auch um uns und
unsere Mediennutzungsgewohn-
heiten. Reichweite ist Macht. Wer
spricht, wem zugehört wird, der
hat viel Einfluss. Das haben auch
Rechtsextreme, Islamisten und
andere antidemokratische Akteure
verstanden und versuchen ganz
besonders zugänglich und freund-
lich in ihren Videos zu wirken, um
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